Wind und Wetter
Wind entsteht, weil Luft von Gebieten mit höherem Luftdruck in Gebiete mit niedrigerem Luftdruck strömt. Neben den großräumigen sog. dynamischen Winden sind für Drachenfreunde aber auch die lokalen, thermischen Winde von Bedeutung. Wenn nachmittags in Ihrem Garten Windstille herrscht, ist es trotzdem durchaus wahrscheinlich, dass bei Sonnenschein am Südhang eines Hügels in 2 km Entfernung gute Bedingungen für Drachen gegeben sind. Und an lauen Sommerabenden kann oftmals auf Ihrer Drachenwiese ein Hochstart eines Leichtwinddrachen in eine konstante Strömung ab 20m Höhe erfolgreich sein, obwohl am Boden praktisch kaum Luftbewegung spürbar ist.
Hier ist nicht der Platz für eine ausführliche Wetterkunde, nur einige Aspekte seien herausgegriffen:
Selbst im flachen Gelände nimmt die Windgeschwindigkeit in Bodennähe wegen der mehr oder weniger rauhen Erdoberfläche ab. Weil die Luft “zähflüssig” ist, sind auch die Schichten über den Bodenwirbeln verlangsamt. Diese Viskosität der Luft bedeutet, dass die Windgeschwindigkeit mit der Höhe beständig zunimmt und zwar um 100% auf 500 Meter Höhe.
Mit zunehmender Höhe wird der Wind gleichmäßiger, Böen glätten sich, Flauten werden unwahrscheinlicher. Gleichzeitig dreht der Wind auf der nördlichen Erdhalbkugel durch die sog. Corioliskraft nach rechts.
Innerhalb einer stabilen Großwetterlage bauen sich die thermischen Winde im Laufe des Vormittags erst auf, flauen bei Sonnenuntergang völlig ab und wehen in der Nacht in die entgegengesetzte Richtung. Die beste Zeit zum Drachenfliegen ist dann der (frühe) Nachmittag. Ändert sich die Großwetterlage, so sind diese thermischen Effekte von überregionalen Winden überlagert, die unabhängig von der Tageszeit sind. Dies bedeutet dann meist 24 Stunden Drachenwind täglich.
Eine ganz zentrale Frage ist: Wie ist der momentane Wind in Bezug auf einen bestimmten Drachen einzuschätzen? Jeder Drachen hat in Abhängigkeit von Typ, Material und Trimmung “seinen” Bereich an Windgeschwindigkeiten mit guten Flugleistungen. Allgemein tendieren wir gefühlsmäßig dazu, kalten Wind zu überschätzen. Die nachfolgende Tabelle soll Ihnen helfen, die Windgeschwindigkeiten auf der Drachenwiese zu beurteilen.
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Windstärke 0
Geschwindigkeit: 0 - 1 km/h
Bezeichnung: Windstille
Kennzeichen: Rauch steigt senkrecht auf; es rührt sich absolut nichts.
Kommentar: Genießen Sie einen Kunstdrachen zu Hause an der Wand oder lesen Sie ein schönes Drachenfachbuch ... aber aufbauen sollten Sie wirklich nur dann, wenn es ein echter Indoordrachen ist. Ansonsten könnten Sie noch über den Satz meditieren: “Drachensteigen ist ein Spiel mit den Naturkräften zwischen Kontrolle und Ohnmacht”.
Windstärke 1
Geschwindigkeit: 2 - 5 km/h
Bezeichnung: leiser Zug / Windhauch
Kennzeichen: Auf der Wiese bewegen sich nur die langen Gräser, die kürzeren stehen still. Die Blätter in den Bäumen wackeln etwas ohne nennenswerte Zweigbewegung. Der Rauch einer Zigarette bleibt sichtbar. Der Windhauch ist auf der Haut eben merklich spürbar.
Kommentar: Wenn der Wind konstant ist, kann es interessant werden ...
für Einleiner: Bei einem Leichtwind-Einleiner lohnt sich meist ein Hochstartversuch mit langer Leine, weil der Wind etwas weiter oben stärker sein dürfte. ggf. den Waagering etwas (je nach Drachengröße ca. 0,5 bis 5cm) nach oben verschieben, um den Anstellwinkel zu verkleinern = Schwachwindtrimmung mit etwas mehr Auftrieb. Wenn der Drachen nur etwas steigt und dann nach vorne abkippt (=Flattersturz), wurde der Ring zu weit nach oben verschoben.
für Lenkdrachen: Lenkmatten brauchen Staudruck und fliegen nicht bei 1 Beaufort! - Ausnahme: es handelt sich um einen großen Ultra-Light-Kite aus der obersten Preisklasse mit extrem leichtem (=teuren) Segeltuch ... Wenn es sich um einen ausgesprochen leichtwindtauglichen Sportlenkdrachen (mit Gestänge) handelt, fängt der Spaß an. Ggf. den oberen Waageschenkel etwas verkürzen, also den Kite flacher stellen, damit er leichter Fahrt aufnehmen kann. (= Schwachwindtrimmung für viel Speed und Präzision aber größere Flugradien und schlechtere Trickflugeigenschaften). Sollte das fliegbare Segment im Windfenster zu klein werden (oder der Kite nach vorne abkippen), wurde der Anstellwinkel zu klein eingestellt. Ansonsten heißt es ja nicht umsonst Sportdrachen: bei Aufwärtsbewegungen (gegen die Schwerkraft) etwas rückwärts gegen den Wind gehen und bei Flugbewegungen nach unten (mit der Schwerkraft) etwas nach vorne gehen, um Boden zu gewinnen - dabei immer auf die gerade eben noch nötige Leinenspannung achten.
Windstärke 2
Geschwindigkeit: 6 - 11 km/h
Bezeichnung: leiser / leichter Wind
Kennzeichen: Gräser und Wildkräuter auf der Wiese wackeln deutlich. Die äußersten Zweige in den Kronen dünnastiger Bäume wie Birken oder Weiden pendeln. Das erste zarte Blättersäuseln wird hörbar.
Kommentar: Guter Drachenwind; hervorragend harmlos, um einen neuen Drachen kennenzulernen!
Windstärke 3
Geschwindigkeit: 12 - 19 km/h
Bezeichnung: schwacher / sanfter Wind
Kennzeichen: Auf Wiesen und Getreidefeldern werden die Pflanzen in ersten erkennbaren Wellen bewegt. Die Kronen der dünnastigen Bäume wie Birken und Weiden schaukeln sanft. Das Laub in den Bäumen raschelt deutlich.
Kommentar: Nur für extreme Indoordrachen kann es schon zu viel werden. Die normalen Leichtwinddrachen fliegen noch. Die Starkwinddrachen fliegen schon. Die billigen Kaufhausdrachen fliegen oftmals nur! bei 3 Beaufort. Alles fliegt. Der optimale Drachenwind!
Trickdrachen kann man ggf. etwas steiler stellen indem man die oberen Waageschenkel etwas verlängert und so Speed reduziert aber das Windfenster und den Leinendruck vergrößert, vor allem gewollte Strömungsabrisse (sog. stalls, also die Voraussetzungen für echten Trickflug) werden dadurch leichter, Ecken lassen sich knackiger fliegen.
Windstärke 4
Geschwindigkeit: 20 - 28 km/h
Bezeichnung: mäßiger Wind
Kennzeichen: Die Spitzen dünnastiger Bäume werden bis in die Horizontale gebogen. Kleinere Äste schaukeln. Staub, Papier, trockene Blätter werden vom Boden aufgewirbelt. das Laub der Bäume rauscht.
Kommentar: Guter Wind für die allermeisten Drachentypen. Ausgesprochene Leichtwind-Drachen können jedoch an ihre Grenzen gelangen.
für Einleiner: Bei Drachentypen, die sich im Winddruck nur wenig verformen, kann man ggf. den Waagering etwas nach unten verschieben (= größerer Anstellwinkel mit mehr Richtungsstabilität, Starkwindtrimmung). Bei Drachentypen, die sich unter dem Winddruck bereits sehr deutlich verformen, kann es sinnvoll sein, durch einen flacheren Anstellwinkel (Waagering etwas nach oben) das Gestänge zu entlasten und ggf. nötige Stabilisierungskräfte durch Anbringen / Verlängern eines geeigneten Drachenschwanzes zu erzeugen.
für Lenkdrachen: Powerdrachen machen nun ihrem Namen alle Ehre. Leichtwinddrachen und Trickdrachen sollten (insbesondere bei böigem Wind) vor Überlastungen geschützt werden. Dazu werden VOR DEM 1. START ggf. vorhandene Bremssegel angebracht und die Waage evtl. durch Verkürzen der oberen Waageschenkel etwas flacher eingestellt (= Starkwindtrimmung mit weniger Leinendruck). Und nur wenn das Flugverhalten dann zu lahm erscheint, werden diese “Vorsichtsmaßnahmen” schrittweise rückgängig gemacht ... glauben Sie es: die Lebensdauer Ihres Sportgerätes erhöht sich durch diese Methode deutlich!
Windstärke 5
Geschwindigkeit: 29 - 40 km/h
Bezeichnung: frischer Wind
Kennzeichen: Die langen, dünnen Zweige von Birken und Weiden schlagen wie flatternde Fahnen. Freistehende, schlanke Bäume verbiegen ihre Stämme bis auf etwa halbe Gesamthöhe. An festen Kanten wie Fensteröffnungen, Masten, Hausecken wird der Wind hörbar.
Kommentar: Interessanter Wind für Fortgeschrittene. Drachen-Neulinge sollten es sich unbedingt verkneifen, ihre Neuerwerbung bei 5 Beaufort einweihen zu wollen!! Fliegen Sie nur Drachen, für die der Hersteller diese Windverhältnisse als noch geeignet angegeben hat. Grundsätzlich sind die oben (bei Windstärke 4) genannten Anpassungen für Einleiner und Lenkdrachen hier genauso gültig. Klar ist eine Sturmbox, ein Sled oder Powerhawk bei Windstärke 5 gerade mal so richtig im Element ... aber bedenken Sie immer auch, dass 5 Bft. im Mittel, in kräftigen Böen urplötzlich unangenehm stark werden können!
Windstärke 6
Geschwindigkeit: 41 - 51 km/h
Bezeichnung: starker / kräftiger Wind
Kennzeichen: Auch die starken Äste von Buchen und Eichen werden durchgeschüttelt. Der Wind wird auch auf freier Fläche heulend hörbar.
Kommentar: Drachenwind für Spezialisten und vor allem für spezielle Starkwind-Drachen. Kinder sollten ab 6 Bft. gar nicht Drachen steigen lassen, es sei denn, sie werden von einem erfahrenen Erwachsenen unmittelbar angeleitet.
Windstärke 7
Geschwindigkeit: 52 - 62 km/h
Bezeichnung: sehr starker / steifer Wind
Kennzeichen: auch die Stämme großer, kräftige Bäume werden deutlich hin und her bewegt. Der Wind heult auf freier Fläche deutlich und annähernd pausenlos. Sand fliegt (siehe Foto oben).
Kommentar: Schluss mit lustig! Wenn Sie jetzt noch Drachen steigen lassen, dann sollten Sie dies nur tun, wenn Sie sicher WISSEN, dass Sie dabei weder sich noch andere gefährden!
Windstärke 8
Geschwindigkeit: 63 - 74 km/h
Bezeichnung: stürmischer Wind
Kennzeichen: Zweige brechen, deutliches Gegenlehnen beim Gehen
Kommentar: Wer jetzt noch Drachen auspackt, gilt auch unter Drachenprofis als ziemlich verrückt ...
Windstärke 9
Geschwindigkeit: 75 - 89 km/h
Bezeichnung: Sturm
Kennzeichen: auch dicke Äste brechen, leichtere Schäden an Hausdächern
Kommentar: Wer jetzt noch Drachen auspackt, gilt auch unter Drachenprofis schlicht als verrückt ...
Windstärke 10
Geschwindigkeit: 90 - 103 km/h
Bezeichnung: schwerer Sturm
Kennzeichen: Bäume werden entwurzelt, z.T. erhebliche Schäden an Häusern
Kommentar: Ja, es gibt durchgeknallte Drachenfreaks, die Drachen fliegen, wenn Dachziegel dies auch tun. Wer aber einmal bei über 100km/h Windgeschwindigkeit, wenn man sich auf freiem Feld allein kaum auf den Beinen halten kann, einen Sturmdrachen erfolgreich geflogen hat, der wird dies NIE vergessen! Man bereitet solche (nicht im Handel erhältlichen) Drachen vor mit Spezialgestänge, Spezialwaage, Spezialleine und dann wartet man auf die seltene Chance (kein Gewitterrisiko, erträgliche Temperatur, weder Wasser noch Sand in der Luft). Und dann, irgendwann ... perhaps only once in a lifetime ... unbeschreiblich!
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